Gundremmingen sofort abschalten!

2. Juli 2017: Weil es mir wichtig ist, hier der ganze Artikel über die Veranstaltung gegen Atomkraft.

Gundremmingen hat das größte Atommülllager Deutschlands

SPD will „energiepolitischen Unfug“ sofort beenden

Zwischen 20 und 30 Kilometer entfernt von Gundremmingen liegen die Orte des westlichen Landkreises Augsburg. Sie haben das Atomkraftwerk direkt vor der Haustüre, sind bei einem Störfall unmittelbar betroffen. Grund genug für neun SPD-Ortsvereine der Region, sich intensiv mit dem Thema „Super-Gau und dann?“ zu beschäftigen. Dass die Verantwortlichen damit einen Volltreffer gelandet hatten, zeigte sich schnell: Der Pfarrsaal in Dinkelscherben war bestens gefüllt, über 50 Personen wollten die Informationen von Experten hören und stellten viele Fragen.

Neben Kreisrätin Annette Luckner aus Dinkelscherben saßen Raimund Kamm (früherer Grünen-Landtagsabgeordneter und ausgewiesener Gundremmingen- und Atomkraftwerks-Spezialist), Herbert Woerlein (sitzt für die SPD im Ausschuss für Umwelt und Verbraucherschutz des Bayerischen Landtags) und Gerd Olbrich (SPD-Fraktionsvorsitzender im Günzburger Kreistag). Harald Mauch (SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Dinkelscherben) gab zur Einleitung einige Zahlen bekannt: jedes deutsche Kernkraftwerk macht pro Tag eine Million Euro Gewinn und produziert 450 Tonnen Atommüll im Jahr. In diesem Jahr wird Gundremmingens Block B stillgelegt, 2021 der Block C. „Dann ist Schluss, aber der Rückbau, verbunden mit der Lagerung des Mülls, beschäftigt uns noch ganz viele Jahre“, so Mauch.

Raimund Kamm blickte auf die Geschichte des Kernkraftwerks zurück: 1966 war das „unverstandene Wahrzeichen von Schwaben“ der größte Reaktor der Welt, 1977 gab es einen Störfall mit Totalschaden des Blocks A. Die Siedewasser-Reaktoren hätten einen Sicherheitsstandard wie ein VW-Käfer des Baujahrs 1972 und nach der Stilllegung des Reaktors wird Gundremmingen das größte Atommüll-Lager Deutschlands haben. Genehmigungen sind bis August 2046 erteilt, der Müll selbst müsse jedoch eine Million Jahre verschlossen lagern. „Irgendwo“, wie Kamm sagte, „ein echt unangenehmes Tema, das noch 30.000 Generationen nach uns beschäftigen wird.“

Kamm, seit vielen Jahren einer der erbittertsten Gegner des Kraftwerks, erläuterte auch das Super-Gau-Szenario. Die Region im Umkreis von fünf Kilometern müsse in sechs Stunden komplett evakuiert werden. Alles was sich 20 Kilometer um den Reaktor befindet, hat 24 Stunden Zeit, sich aus der Gefahrenzone zu bringen. Die bedrohte Bevölkerung soll laut Plan ausreichend mit Jodtabletten zur Strahlenabwehr versorgt werden. Wie das alles im Ernstfall zu bewerkstelligen sein soll, ist unklar, so Kamm: „Es gibt keine Vorverteilung, keine Konzepte, Planung Fehlanzeige. In der Hoffnung, dass nichts passiert und dass die Menschen ja nicht beunruhigt werden.“

Über gravierende Störfälle, die erst lange nachdem sie passiert sind, der Bevölkerung mitgeteilt werden, und mangelnde IT-Sicherheit berichtete Herbert Woerlein. Die SPD im Landtag tut sich schwer, an Informationen zu kommen. „Die Staatsregierung spielt da nicht mit offenen Karten, es wird vertuscht und der Bogen ist überspannt“, berichtet der Abgeordnete aus Stadtbergen: „Transparenz sieht anders aus. Gundremmingen ist ein Sicherheitsrisiko, hat eine völlig veraltete Technik und muss sofort stillgelegt werden.“ Auch wenn die CSU stets behauptet, sie hätte alles im Griff. Ähnliche Erkenntnisse hat Gerd Olbrich, der für die SPD im Günzburger Kreistag sitzt und seit Jahren vehement gegen das AKW Gundremmingen kämpft: „Es ist ein ständiges Segeln gegen den Wind, kritische Fragen werden vom Kreistag abgeblockt, manche Bundesregierung, vor allem zu Zeiten von Schwarz-Gelb (CDU/CSU/FDP), hat viel energiepolitischen Unfug beschlossen.“ Olbrich erinnerte daran, dass erst Mitte der 2040er Jahre der Rückbau des Kernkraftwerks abgeschlossen sein wird: „Bis dahin bleibt von außen alles baulich so wie es heute ist.“

Dass Atomkraft heutzutage viel zu teuer sei und sich alle Meiler so gut wie erledigt haben, darin waren sich alle drei Experten einig. Sorgen machen müsse man sich in erster Linie um den Atommüll. „Die Betreiber streichen die großen Gewinne ein und kümmern sich nicht um den Müll. Wir brauchen neue Zwischenlager für die kommenden 50 Jahre“, weiß Gerd Olbrich, „wer tut sich die Herkulesaufgabe an?“

Da man auf dem besten Weg sei, zu 100 Prozent erneuerbare Energie anbieten zu können, werde kein Haushalt im Dunkeln sitzen, sollte des AKW Gundremmingen schon jetzt abgeschaltet werden. Darin waren sich die drei mit Annette Luckner einig. Biogas, Wasserkraft, Windkraft und Photovoltaik würden so viel Energie produzieren, dass niemand den Kernkraftwerken nachtrauern müsse. „Es gilt, die Risiken zu minimieren, die Sicherheit zu erhöhen und wachsam zu bleiben“, so die Kreisrätin aus Dinkelscherben.

Für die Zukunft gelten mehrere Grundsätze. „Jedes Auto sollte immer Sprit für rund 100 Kilometer im Tank haben, damit man bei einem GAU schnell verschwinden kann“, gibt Raimund Kamm den Bürgern mit auf den Weg. Im Ernstfall keine Autobahn oder Bundesstraßen benutzen („da fahren alle“), die Windrichtung zu beachten und weit von Gundremmingen weg zu „flüchten“. Herbert Woerlein wünscht sich mehr mündige Bürger, „Leute, die nicht nur warten, sondern aktiv gegen die Interessen der großen Atomkonzerne ankämpfen“. Gerd Olbrich fordert dazu auf, den Lebensstil zu ändern. „Klimaschutz geht uns alle an, man sollte darüber nachdenken, wo und wie wir manche Dinge einsparen können.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *